Ein
Aufsatz über das grosse Geschäft mit der Angst,
erschienen in der Fachzeitschrift „Naturheilpraxis“
4/96
Cholesterin und Herzinfarkt - das Ende der
»Lipidtheorie«
Von Theo Niederauer
Nachdem Zehntausende von Freiwilligen in einem
Dutzend Länder der westlichen Welt jahrelang an teuren,
von Steuerzahlern finanzierten Programmen zur Beobachtung
ihres Ernährungsverhaltens teilgenommen haben, ist das
Ergebnis für die Anhänger der sogenannten »Lipidtheorie«
enttäuschend: Bewiesen ist gar nichts und die
»Lipidtheorie« bleibt das, was sie immer schon war: ein
theoretisches Modell, das von der Alltagspraxis nicht
bestätigt und zu kommerziellen Zwecken missbraucht wird.
Der nachfolgende Beitrag informiert über einige wichtige
Gegenargumente zur
Cholesterinhypothese.
Die „Lipidtheorie“
Die Aufmerksamkeit, die dem Cholesterin gewidmet wurde, setzte
Anfang dieses Jahrhunderts mit der Verfütterung großer Mengen
Cholesterin bzw. Eigelb an Versuchskaninchen ein, die
normalerweise kein Cholesterin verzehren, sondern
Pflanzenfresser sind und daher Schwierigkeiten haben, es zu
verstoffwechseln. Innerhalb einer Woche stieg der
Serumcholesterinspiegel der Tiere außerordentlich hoch an, weit
über die Werte hinaus, die normalerweise beim Menschen
angetroffen werden. An der Arterienwand lagerte sich Fett ab.
Dies führte zu der Annahme, daß sich die Arteriosklerose auf
einen exzessiven Verzehr von Fett, besonders von tierischem
Fett, zurückführen läßt.
Dies war der Ursprung der »Lipidtheorie« der Arteriosklerose,
die in den sechziger Jahren noch erweitert wurde um die
Theorie, daß sich mit Fetten, die höhere Anteile ein- und
mehrfach ungesättigter Fettsäuren enthalten und aus Pflanzen
stammen, hohe Cholesterin- und Blutfettwerte senken lassen und
damit einen Schutz vor dem Herztod bieten. Diese mit großem
Werbedruck vorgebrachte Hypothese sollte in erster Linie die
Margarine aus ihrem Schattendasein führen und der Butter
Marktanteile wegnehmen. Das ist ihr auch gelungen. Heute, gegen
Ende des Jahrhunderts, beruht die »Lipid- bzw.
Cholesterintheorie« der Entstehung koronarer Herzkrankheit und
Arteriosklerose im Grunde immer noch auf der simplen Annahme,
daß
1. das Cholesterin und die gesättigten Fettsäuren in der
Nahrung das Serumcholesterin
erhöhen und daß dieses erhöhte Cholesterin im
Serum zur koronaren Herzkrankheit führt und
2. daß durch eine Senkung des Cholesterins im Blut auch die
koronare Herzkrankheit
verhindert werden
kann.
Sowohl Annahme 1 als auch 2 waren in der
Vergangenheit und sind auch heute schlichtweg falsch. Sie
stellen eine grobe Irreführung vor allem kranker, aber
auch aller gesunden Menschen dar, verursachen
ungerechtfertigte Kosten im Gesundheitswesen in
mehrfacher Milliardenhöhe und verhindern, daß die wahren
Gründe der Entstehung koronarer Herzkrankheit aufgeklärt
werden. Hinzu kommen neuere Erkenntnisse, die belegen,
daß eine gezielte Cholesterin- und Lipidsenkung durch
Diäten und Medikamente die Gesamtsterblichkeit deutlich
erhöht und geradezu eine Gesundheitsgefahr
darstellt.
Kein Einfluß der Ernährung
Die Serumcholesterinkonzentration steigt mit dem
Alter - unabhängig von der Art der Ernährung. Bei etwa
80% aller deutschen Männer und Frauen über 40 Jahre
findet sich ein Serurncholesterinspiegel von über 200
mg/dl. Nach der Definition der »Nationalen
Cholesterininitiative« und der »European Atherosclerosis
Society« sind diese Menschen krank (sogenannte
Hypercholesterinämiker) und sollen deshalb einer
lebenslangen (!) cholesterinsenkenden Therapie unterzogen
werden. Als Basistherapie zur Prävention von koronarer
Herzkrankheit wird von diesen Gremien der Verzehr einer
so genannten »cholesterinsenkenden« Kost
empfohlen.
Entsprechend dieser Empfehlung soll der Verzehr aller
»cholesterinsteigernden« Nahrungsmittel, - das sind
Lebensmittel, die Cholesterin enthalten, aber auch Lebensmittel
mit Fetten mit höherem Anteil gesättigter Fettsäuren (die als
cholesterinsteigemd gelten) stark eingeschränkt
werden.
Hierzu gehören eine Reihe von natürlichen, seit Urzeiten von
Menschen verzehrten, nährstoffreichen Grundnahrungsmitteln wie
Vollmilch und milchfetthaltige Milchfrischprodukte, Käse,
Butter, Eier und eihaltige Lebensmittel, Schlachtfette, Wurst
und Fleischwaren, Geflügel und Fisch, Lebensmittel also, ohne
die eine abwechslungsreiche und schmackhafte Ernährung nicht
möglich wäre.
Alle diese Lebensmittel sind mittlerweile durch die
Cholesterinkampagne mehr oder weniger stark in Verruf geraten
und werden selbst von gesunden Verbrauchern ohne ersichtlichen
Vorteil und nur aus einem Gefühl der Verunsicherung
gemieden.
Man hat in einer sogenannten Meta-Analyse aller Langzeitstudien
über die koronare Herzkrankheit die Auswirkungen der Diät auf
den Cholesterinspiegel untersucht. Es zeigte sich, daß nur eine
Cholesterinsenkung um durchschnittlich 2% zu erzielen ist, also
eine Person mit einem Serumspiegel von 300 mg/di durch
Cholesterin- und Fettreduktion in der Nahrung gerade mal auf
294 mg/dl herunterkommt. Mehr schafft auch die von der American
Heart Association propagierte erste Stufe der Diät nicht. Wenn
man in einer zweiten Stufe den Gürtel noch enger schnallt, das
Nahrungscholesterin und -fett drastisch reduziert, erreicht man
eine Senkung des (von den Anhängern der »Lipidtheorie« als
negativ betrachteten) LDL-Cholesterins um 5%, aber gleichzeitig
auch eine Senkung des (nachgewiesenermaßen positiven)
HDL-Cholesterins um 6%, was absolut unerwünscht ist.
Der amerikanische Epidemiologe Keys hat untersucht, wie sich
das Nahrungscholesterin auf das Serumcholesterin auswirkt. Er
hat gefunden, daß das Drittel der Amerikaner mit der
niedrigsten Cholesterinaufnahme täglich im Durchschnitt 400 mg
verzehrt und das Drittel mit der höchsten Aufnahme täglich 1000
mg. Das untere Drittel hat einen durchschnittlichen
Cholesterinwert von 249 mg/dl und das obere Drittel von 256
mg/dI. Das Beispiel zeigt, daß ein Mann, der jahrein jahraus 3
Eier täglich ißt, nahezu die gleichen Cholesterinwerte hat wie
sein Nachbar, der nur ein Ei täglich verzehrt, denn der
Unterschied ist minimal und statistisch nicht signifikant. Die
Empfehlung, die tägliche Cholesterinaufnahme von 400 mg auf 300
mg zu reduzieren, macht also überhaupt keinen Unterschied und
demzufolge auch keinen
Sinn.
Regulation des
Cholesterinstoffwechsels
Diese Tatsache ergibt sich zwangsläufig auch aus
dem Cholesterin-Regulationsmechanismus des Körpers. Wenn
mehr Cholesterin aufgenommen wird als für den
Gesamtstoffwechsel gebraucht wird, reduziert der
Organismus innerhalb von zwei Tagen die Eigenproduktion
in der Leber, die normalerweise bei täglich 600-700 mg
liegt.
Enthält die Nahrung weniger Cholesterin, wird innerhalb von
einigen Tagen die Eigensynthese angekurbelt, die im übrigen
Energie erfordert. Aus dem Regulationsmechanismus wird sehr
klar, daß der Cholesteringehalt im Serum nur sehr dürftig, wenn
überhaupt, mit der Cholesterinaufnahrne in der Nahrung
zusammenhängt.
Insgesamt beträgt der Cholesteringehalt des menschlichen
Körpers - je nach Gewicht - 100-150 Gramm, davon schwimmen nur
6-8% im Blut, was etwa 200-250 mg/di entspricht. Der größte
Teil des Cholesterins wird für den Aufbau von Zellwänden und
Gewebe (zusammen mit den Phospholipiden) gebraucht. Allein die
Gehirnmasse besteht zu 17% aus Cholesterin. Vor allem im
Krankheitsfall, wie z. B. bei Infektionen und in
Streßsituationen, wird überdurchschnittlich viel Cholesterin im
Stoffwechsel benötigt. Auch die Synthese von Vitaminen (D),
Steroidhormonen, darunter auch Sexualhormone sowie
Gallensäuren, setzt die Anwesenheit ausreichender Mengen von
Cholesterin voraus.
Ausscheidungen von Cholesterin aus dem Körper erfolgen über den
Verdauungstrakt, über die Gallenflüssigkeit und über die
ständige Schuppung der Haut. Insgesamt beträgt die tägliche
Cholesterinausscheidung bis zu 2 Gramm. Diese Zahlen machen die
Bedeutung eines gesunden Cholesterinstoffwechsels deutlich und
belegen gleichzeitig die absolute Lebensnotwendigkeit des
Cholesterins. So wundert es auch nicht, daß in früheren Jahren
Cholesterin als Medikament bei verschiedenen Krankheiten
eingesetzt wurde.
Es ist somit vollkommen unverständlich und geradezu
widersinnig, wie eine so wichtige Substanz, die Bestandteil der
am höchsten entwickelten Organe und Gewebe des Organismus ist
und wichtige Schutzfunktionen ausübt, zugleich eine so schwere
Krankheit wie die Arteriosklerose auslösen
soll.
Das »französische Paradox«
Die Anhänger der Cholesterinhypothese zeigen
gern das Bild, das die Todesrate an koronarer
Herzkrankheit für einige Länder zum mittleren
Cholesterinwert der 40- bis 70jährigen Männer in diesen
Ländern in Beziehung setzt. Es soll zeigen, daß, wenn der
Cholesterinwert in einem Land höher ist, auch im gleichen
Land verhältnismäßig mehr Menschen den Herztod sterben.
Nach Prof. Apfelbaum, Direktor der Ernährungsabteilung
der Klinik Xavier Bichat, Paris, gibt es zwei Länder, die
überhaupt nicht in dieses System passen, nämlich Japan
und Frankreich. Apfelbaum hat deshalb dieses Phänomen das
»Französische Paradox« genannt.
In Frankreich ist die Sterblichkeit an der
koronaren Herzkrankheit zweieinhalbmal niedriger als in
den USA und anderen vergleichbaren Ländern. Das ist in
mehreren Analysen, so auch von der WHO in einer Studie,
die über 20 Jahre lief, festgestellt worden. Tabelle 1
zeigt das »französische Paradox«.
Die Gesamtfettaufnahme ist in allen drei Ländern
- Frankreich, USA und Großbritannien - gleich, so auch
die Aufnahme von einfach und mehrfach ungesättigten
Fettsäuren. Der Verzehr von gesättigten Fettsäuren, der
ja immer als gefährlich angesehen wird, ist in Frankreich
sogar höher als in den USA. Das Serum-Cholesterin ist
wiederum ganz ähnlich, in Frankreich sogar etwas höher.
Die Sterblichkeit an koronarer Herzkrankheit ist in den
USA knapp dreimal so hoch wie in Frankreich und in
Großbritannien mehr als dreimal so
groß.
Natürlich hat man nach Erklärungen für dieses
»französische Paradox« gesucht und vor allem das Thema
Alkoholkonsum diskutiert. Bei etwa gleichem Alkoholkonsum
(ausgedrückt in reinem Alkohol) trinken die Briten mehr
Bier und die Franzosen mehr Wein, was aber nicht den
gewaltigen Unterschied erklären kann. Apfelbaum neigt
eher zu der Annahme, daß die Franzosen weniger Margarine
als z.B. die Amerikaner, Engländer und Iren und dafür das
beste diätetische Fett, das es gibt, nämlich Butter und
Käse, essen.
Konsequenterweise müßten verantwortungsbewußte
Ernährungsexperten und Gesundheitspolitiker in den USA
die amerikanische Öfffentlichkeit auffordern, von ihrer
Cholesterinhysterie abzulassen und auf die französische
Ernährungsweise einzuschwenken, die offensichtlich vor
dem Herzinfarkt schützt.
Ebenso paradox ist die Entwicklung in Japan. Die
japanische Ernährung nähert sich immer mehr der
europäisch-amerikanischen an, und die Aufnahme von
gesättigten Fetten und Cholesterin wächst von Jahr zu
Jahr. Die Sterblichkeit an koronarer Herzkrankheit
vermindert sich dagegen jährlich. Es ist klar, daß solche
Fakten die »Lipidtheorie« der Arteriosklerose in ganz
entscheidender Weise abwerten. Ihre Anhänger ignorieren
jedoch die für sie ungünstigen
Ergebnisse.
Framingham-Studie
Die wohl bedeutendste Studie, die auf dem Gebiet
der kardiovaskulären Epidemiologie durchgeführt wurde,
ist die Framingham-Studie. Es handelt sich dabei um eine
sogenannte Kohorten-Studie, d. h. einer Untersuchung
einer bestimmten Population oder Subpopulation. Sie läuft
seit 50 Jahren und hat schon über 100
Originalveröffentlichungen hervorgebracht. In einer
dieser Veröffentlichungen findet sich - etwas ver- steckt
- auch die nachfolgende Tabelle, die das Auftreten der
koronaren Herzkrankheit im Zeitraum von 30 Jahren
(1953-1983) zu den Serum-Cholesterinwerten von Männern
und Frauen in Beziehung setzt.
90% der Personen in Framingham hatten
Cholesterinwerte, die zwischen 200 und 265 mg/dl lagen.
Die Zahlen geben das jährliche Neuauftreten von koronaren
Herzerkrankungen wieder.
Diese Zahlen sind verblüffend: Sie besagen, daß
bei Frauen wie Männern zwischen der Höhe des
Serumcholesterins (200-265 mg/dl) und dem Auftreten der
koronaren Herzkrankheit keine Beziehung besteht. Wenn
dies so ist - und weitere Beweise lassen sich anführen -,
sollte so schnell wie möglich Schluß gemacht werden mit
der Theorie der Cholesterinsenkung. Sie hat als Modell
zur Erklärung der Entstehung der Arteriosklerose und
koronaren Herzkrankheit ihre Chance gehabt und sie in der
praktischen Überprüfung nicht genutzt. Sie hat
ausgedient.
Das weitere Festhalten an der »Lipidtheorie« ist
weder aus der Sicht des kranken, noch des gesunden
Verbrauchers, noch der der Lebensmittelindustrie, noch
der einzelner Lebensmittel weiter gerechtfertigt. Wer es
dennoch tut, hat nicht das gesundheitliche Wohl der
Menschen im Auge, sondern handfeste ökonomische
Interessen.
Das »Cholesteringeschäft«
In den USA beziffert sich das Geschäft, das mit
der »Cholesterinhypothese« gemacht wird, auf 40
Milliarden Dollar. Hierunter fallen folgende Kosten bzw.
Umsätze:
| > |
die gesamte Cholesterindiagnostik
und -analytik in der
Medizin, |
| > |
die von der Pharmaindustrie angebotenen Medikamente
für die Senkung der Fette und des Cholesterins im
Blut, |
| > |
die Werbung für diese
Produkte, |
| > |
die Entwicklung, die Herstellung, der Vertrieb, der
Handel und die Werbung für Lebensmittel und
diätetische Produkte, die vorgeben, Cholesterin und
Blutfette nicht zu erhöhen bzw. zu
senken, |
| > |
die Entwicklung und Herstellung
cholesterinreduzierter bzw. cholesterinfreier
Lebensmittel bzw. Halbfabrikate, die normalerweise
Cholesterin enthalten, wie z. B. Eigelb, Butter und
Butterfett,
Käse (Imitationskäse), Wurst,
Kuchen. |
In Europa hat das »Cholesteringeschäft« noch nicht
nordamerikanische Dimensionen erreicht, obwohl hier in einigen
Ländern mächtige Interessengruppen auf den verschiedenen
politischen und institutionellen Ebenen darauf drängen, daß die
amerikanischen Ernährungsrichtlinien übernommen
werden.
Das einzige europäische Land, das dem gewaltigen
Manipulationsdruck bislang widerstand, ist Frankreich.
Dort ist Cholesterin kein großes Thema und man verweist
zu Recht auf die französische Ernährungsweise, die vor
dem Herzinfarkt schützt. Es ist zu hoffen, daß auch die
EU dem Drängen auf Einbeziehung einer offensichtlichen
Irrlehre in Gesetzgebung und Deklarations- bzw.
Ernährungs-Richtlinien-Werke nicht nachgibt (wenn es
dafür nicht schon zu spät ist).
Der Streit über den gesundheitlichen Nutzen
einer Cholesterinsenkung zieht sich nunmehr schon mehrere
Jahrzehnte dahin. Obwohl mittlerweile durch die Fülle der
Gegenbeweise keine Zweifel mehr an der Nutzlosigkeit
einer Cholesterinsenkung für die Entstehung koronarer
Herzkrankheiten bestehen, wird auf verschiedenen Ebenen -
Werbung, Wissenschaft, medizinischer Alltagspraxis,
Ernährungsberatung - nach wie vor an der
Cholesterinhypothese festgehalten.
Es wird höchste Zeit, daß der Gesetzgeber diesem Unsinn ein
Ende bereitet.
Anschrift des Verfassers: Dr. Theo Niederauer
Rümannstraße 6 80804 München
|