Blaubeeren und Blaubeersaft

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Wie es den Anschein hat sind Blaubeeren und Blaubeersaft momentan besonders „in“. Es ist müßig nach dem Grund zu fragen.

Denn die Hersteller von Blaubeersaft betreiben ein Geschäft. Und zu jedem Geschäft gehört eine Marketingabteilung, die sich darüber Gedanken macht, wie man die hauseigenen Produkte kostengünstig und effektiv vermarkten kann.

Versprechungen und Behauptungen sind hier Teil der Vermarktung. Was man von solchen zweckbestimmten Informationen halten muss und wie glaubwürdig sie sind, das ist eine Frage, die man sich bei einer kritischen Betrachtung immer wieder vor Augen halten muss.

Ich hatte vor gut zwei Jahren einen kleinen Beitrag zum Thema Blaubeeren veröffentlicht: Blaubeeren gegen Bluthochdruck und Arterienverkalkung.

In diesem Beitrag besprach ich eine Studie, die leider von einer Art „Blaubeeren-Lobby“ finanziert worden war, was immer den Verdacht von gewollt positiven Aussagen für das eigene Produkt erregt.

Im Jahr 2013 besprach der „Spiegel“ (spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/herzinfarkt-blaubeeren-sollen-vor-herz-kreislauf-krankheiten-schuetzen-a-877559.hhtml) eine ähnlich aufgestellte Studie im Zusammenhang mit dem Blaubeersaft des norwegischen Herstellers „Ritni“. Letzterer behauptet auf seiner Webseite (ritni.de/produkt/), dass „jede Menge Antioxidantien, Vitamin C, Eisen, Magnesium und wertvolle Spurenelemente, [die] darin enthalten sind“.

Schnell noch ein Wort zu den Antioxidantien, die im weiteren Verlauf eine zentrale Rolle spielen werden. Auch hierzu hatte ich mehrere Beiträge geschrieben. Denn Antioxidantien sind nicht gleich Antioxidantien. Auch hier gilt es, zu differenzieren: Krieg der Antioxidantien – ORAC gegen TOSC.

Ein Kurzportrait: Was sind Antioxidantien?

Und die Frage, was Antioxidantien warum wann gegen wen ausrichten und welchen Stellenwert sie für den Organismus haben: Freie Radikale und Antioxidantien

Die Studie, auf die der „Spiegel“-Beitrag sich bezieht, stammt aus dem Jahr 2013. Und damit wären wir mitten in der Diskussion um…

Die Wissenschaft vom Blaubeersaft

High Anthocyanin Intake Is Associated With a Reduced Risk of Myocardial Infarction in Young and Middle-Aged Women

Ich muss es gleich vorweg schicken. Es handelt sich hier nicht um eine klinische Studie mit dem immer wieder geforderten „goldenen Studiendesign“ (randomisierte, doppelblinde, Placebo kontrollierte Studie). Vielmehr handelt es sich um eine Beobachtungsstudie mit über 93.000 Frauen im Alter von 25-42 Jahren, die über 18 Jahre nach verfolgt worden waren. Der Verzehr von Flavonoiden und Anthocyane wurde aufgrund von ausgefüllten Fragebögen zum Ernährungsverhalten geschätzt.

Die Autoren wollten herausfinden, in welchem Maße der Verzehr von Flavonoide und Anthocyanen einen Einfluss auf kardiovaskuläre Ereignisse hat. Die Auswertung ihrer Daten ergab, dass der Verzehr von Lebensmitteln, die reich an Anthocyanen sind, das Risiko für Herzinfarkte um 34 Prozent senkt, wenn die Betroffenen drei Portionen und mehr Blaubeeren pro Woche konsumieren im Vergleich zu denen, die keine oder nur sehr wenig Anthocyane zu sich nehmen.

Der „Spiegel“ der-Beitrag moniert hier, dass diese Studie gleich mehrere Schwachstellen aufweist. Da ist zuerst die Tatsache, dass es sich hier um eine Beobachtungsstudie handelt. Dem muss ich zustimmen. Die Auswertung aufgrund von Fragebögen ist ein weiterer Schwachpunkt, da die Angaben seitens der Teilnehmerinnen selbst beträchtlichen Raum für Ungenauigkeiten geben. Anthocyane gibt es nicht nur im Blaubeeren und Blaubeersaft der Firma „Ritni“, sondern in einer Reihe von anderen natürlichen Nahrungsmitteln. Daher meint der „Spiegel“, dass das „Fläschchen Blaubeersaft aus der Apotheke“ nicht schlecht, aber keinesfalls in der Lage ist, eine ungesunde Lebens- und Ernährungsweise ungeschehen zu machen. Und 260 Milliliter Blaubeersaft für 9,95 € - da gibt es sicherlich preiswertere Alternativen bei den natürlichen Nahrungsmitteln.

Die Webseite von „Ritni“ weist auf eine Reihe von Studien hin, die die Güte des eigenen Produkts noch einmal unterstreichen sollen. Den auf der Webseite zitierten Studien zufolge, die fast alle ca. zehn Jahre und älter sind, soll der Verzehr von Blaubeeren einen günstigen Einfluss haben auf „Herz-Kreislauf-Erkrankungen, altersbedingte Erkrankungen, Diabetes, Blasenentzündungen, Sehvermögen und Krankheiten aufgrund von Entzündungen bis hin zur Krebsprävention“. Es gibt in der Tat eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten, die gezeigt haben, dass diese Werbeaussagen aus wissenschaftlicher Sicht eine gewisse Berechtigung mit sich bringen. Vollkommener Unsinn, und damit wieder einmal typisches Marketing-Legoland, ist die Aussage, dass „durch die tägliche Einnahme von Antioxidantien die Schäden repariert werden, die freie Radikale verursachen“. Antioxidantien verhindern Schäden, die durch freie Radikale verursacht werden können. Für die Reparatur sind ganz andere biologische Mechanismen erforderlich. Antioxidantien haben hier keinerlei Einfluss auf das Geschehen.

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Die Wissenschaft der Anthocyane

Flavonoide und Anthocyane scheinen die wichtigsten Wirkstoffklassen zu sein, die in Blaubeeren, aber auch anderen Früchten zu finden sind, und die einen positiven gesundheitlichen Effekt mit sich bringen.

Verbesserte Insulinresistenz

Bioactives in blueberries improve insulin sensitivity in obese, insulin-resistant men and women.

Bei dieser Studie aus dem Jahr 2010 handelt es sich um eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie, an der aber nur 32 übergewichtige Probanden teilnahmen, die zwar kein Diabetes hatten, aber an einer Insulinresistenz litten.

Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt; die Placebogruppe mit 17 Teilnehmern erhielt ein Smoothie ohne Blaubeerextrakt, die Verumgruppe mit 15 Teilnehmern ein Smoothie mit 22,5 Gramm Blaubeerextrakt. Am Ende der Studie (leider keine Zeitangabe) zeigte die Verumgruppe eine verbesserte Situation bei der Insulinresistenz. Übergewicht und Entzündungsparameter zeigten sich nicht verändert im Vergleich zu Placebo.

Mein Fazit: Es ist eine merkwürdige Studie, die hier auf der Ritni- Webseite zitiert wird. Der Mangel an Insulinempfindlichkeit ist das „Markenzeichen“ von Typ-2-Diabetes. Das keiner dieser Probanden Diabetiker war, ist schon bemerkenswert beziehungsweise ungewöhnlich. Dies kann auf eine spezifische Selektion von Probanden hinweisen, die mit 32 an der Zahl ebenfalls nicht besonders hoch ausfällt.

Allergie

Anthocyanins, but not anthocyanidins, from bilberry (Vaccinium myrtillus L.) alleviate pruritus via inhibition of mast cell degranulation.

Diese Arbeit aus dem Jahr 2012 aus Japan zeigte bei Mäusen, dass Anthocyane in der Lage sind, die Membranen von Mastzellen zu stabilisieren und damit einen antiallergischen Effekt ausüben. Die Autoren empfehlen deshalb, Anthocyan-haltige Nahrungsmittel oder Nahrungsergänzungsmittel bei allergischen Hauterkrankungen, wie chronische Kontaktdermatitis, atopische Dermatitis und Rhinitis einzusetzen.

UV-Strahlung

Protective effect of Vaccinium myrtillus extract against UVA- and UVB-induced damage in a human keratinocyte cell line (HaCaT cells).

Diese Laborarbeit aus dem Jahr 2014 zeigt, dass Anthocyane in der Lage zu sein scheinen, einen protektiven Effekt gegen UV-Strahlen auszuüben. Dieser Effekt bezieht sich sowohl auf UVA- als auch auf UVB-Strahlen. Der Schutz vor UVB-Strahlen zeigte sich schon bei geringen Dosierungen. Hier verhinderte die Substanz die Lipidperoxidation der Zellmembranen. Sie zeigte allerdings keinen Effekt gegenüber ROS (reactive oxygen species = freie Radikale). Bei der UVA-Strahlung reduzierten die Anthocyane die schädigende Auswirkungen auf die Zell-DNA und verbesserten den Redox-Status der untersuchten Hautzellen. Die Anthocyane zeigten ein starkes antioxidatives Potenzial, reduzierten oxidativen Stress und die Neigung der Hautzellen zur Apoptose, besonders im Zusammenhang mit UVA-Strahlen.

Übergewicht und Meatbolismus, Blutdruck

Wild blueberries (Vaccinium myrtillus) alleviate inflammation and hypertension associated with developing obesity in mice fed with a high-fat diet.

Bei dieser Studie aus dem Jahr 2014 wurde bei Mäusen, die mit einer fettreichen Diät über drei Monate versorgt worden waren, untersucht, wie und welchen Einfluss die Anthocyane aus Blaubeeren auf metabolische Veränderungen haben, die durch Übergewicht verursacht werden.

Die Ergebnisse zeigten, dass die durch die fettreiche Diät provozierte Entzündungsreaktion durch die Anthocyane gemildert wurde. Dies zeigte sich in einem veränderten Zytokin-Profil und einer reduzierten Konzentration von Interferon-produzierenden T-Zellen, speziell T-Helferzellen vom Typ 1. Die Blaubeeren verhinderten ebenfalls ein Fortschreiten der Erhöhung des systolischen Blutdrucks der Tiere, der mit deren Übergewicht in Verbindung steht.

Fazit der Autoren: Blaubeeren reduzieren die Entwicklung einer systemischen Entzündungsreaktion und verhindern den Fortschritt eines chronischen Bluthochdrucks bei Übergewicht.

Antioxidative Effekte

Seasonal variations of the phenolic constituents in bilberry (Vaccinium myrtillus L.) leaves, stems and fruits, and their antioxidant activity.

Diese Arbeit aus Frankreich und Rumänien aus dem Jahr 2016 zeigt, dass der Inhalt an Wirkstoffen, unter anderem auch Anthocyanen, zum einen in den Teilen der Pflanze variiert, also Blätter, Frucht oder Stamm. Zum anderen scheint es auch eine Variation zu geben, die abhängig ist von der Jahreszeit. So zeigte sich der Gehalt an Polyphenol in den Blättern der Blaubeeren im Monat Mai am geringsten. Dafür zeigten diese dann einen hohen Gehalt an Cumarin-Säure und deren Derivate.

Es zeigten sich saisonale Effekte bei den Blättern, die einen höheren antioxidativen Effekt im Juli und September zeigten. Die stärksten antioxidativen Effekte traten bei den Stämmen im Juli auf.´

Die einzige Aussage bezüglich der Früchte, also der Blaubeeren selbst, besagt, dass Anthocyane bevorzugt in den Beeren zu finden sind und weniger ausgeprägt im Stamm und den Blättern.

Fazit

Blaubeeren und Blaubeersaft sind gesund, weil sie eine Reihe an natürlichen Wirkstoffen enthalten, die antioxidativ und  protektiv wirksam sind. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Studien dazu gibt es in einem relativ bescheidenen Umfang. Qualität und Design einiger Studien geben Grund zu der Annahme, dass hier Marketinginteressen möglicherweise eine Rolle gespielt haben. Dabei sehe ich wenig Grund zu der Vermutung, dass Polyphenole und Anthocyane in ordentlich durchgeführten Studien zu „schlimmen“ Ergebnissen neigen.

Fazit vom Fazit: Das Gros der Studien zu den Anthocyanen sind entweder Laborstudien oder Tierstudien. Aussagekräftige Humanstudien gibt es fast nicht. Und die, die es gibt, scheinen in der Anlage marketinggerechte Abziehbilder der Studien zu sein, die sonst die Pharmaindustrie für ihre eigenen Produkte fabriziert.

Dieser Beitrag wurde letztmalig am 21.08.2017 aktualisiert