Metastasin – Eine Beurteilung der „Krebs-Wunder-Kur“

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Da flattert bei mir die Werbung für ein Serum herein, dass endlich und wirklich gegen Krebs zu helfen verspricht.

Jeder weiß inzwischen, das Krebs keine Spaßveranstaltung ist und die evidenzbasierten schulmedizinischen Erfolge gegen die verschiedenen Formen zumeist auf dem Stand von vor 50 und mehr Jahren vor sich hin dümpeln. Das ist der Nährboden für interessante und Hoffnung versprechende, neue Therapieformen und Medikamente, die dann „wirkliche“ Heilung versprechen.

Und mit so einem „wirklich“ wirkenden Mittelchen hat der Bericht auf der Webseite krebshilfe-jetzt.com/das-serum/ (Stand April 2016) zu tun.

Metastasin, das Serum

Nachdem als erstes die „Synergie“ als Geheimwaffe und Besonderheit dieses Serums erklärt wird, kommt der Autor des Beitrags zu dem Schluss, dass „die Kombination es ist, die dieses Metastasin Serum perfekt macht.“

Tja, aber was wirkt den hier so synergistisch gegen Tumore und Metastasen?

Die Antwort lässt mich in die Schockstarre des Unverständnis gleiten: Ausgerechnet Glukose (und einige andere Zucker) sollen „Hochwirksamkeitsstoffe gegen Tumore und Metastasen“ sein?

In meinem Beitrag  Zucker – Noch giftigere Wahrheiten habe ich die krebsfördernde Eigenschaft von Glukose und vor allem Fruktose diskutiert (oder auch im speziellen: Krebszellen lieben Zucker). Jetzt haben wir anscheinend den Durchbruch mit einem Serum, in dem Glukose das Gegenteil von dem macht, wozu es von Natur aus bestimmt war.

Was danach folgt, das ist eine Aufzählung von Enzymen, die man entweder als Besitzer eines gesunden Organismus selber zur Verfügung hat oder die man über meist pflanzliche Nahrungsmittel zu sich nehmen kann, ohne dass man das Metastasin Serum dafür benötigen würde.

Das Serum enthält auch alle essentiellen und nicht-essentiellen Aminosäuren. Aber auch hier würde ich mit Spirulina eine Alternative sehen, die darüber hinaus noch eine Reihe von weiteren wichtigen Substanzen enthält, wie zum Beispiel Omega-3-Fettsäuren, andere essentielle Fettsäuren und eine lange Liste an Vitaminen, Mineralien und Pigmentstoffen.

Aber das ist noch nicht alles. Danach erfolgt nämlich die „bahnbrechende Entdeckung“, das die Aminosäure Lysin eine Wirkung bei der Ausbreitung von Krebs haben soll. Dann folgt sofort im anschließenden Satz die Ernüchterung, dass man doch noch nicht so recht weiß, ob ein Mangel an Lysin an der Entstehung von Krebs beteiligt ist. Aber da Lysin unter anderem für die Stabilität von Kollagen im Bindegewebe unentbehrlich ist, vermutet man in dem „Serum-Artikel“, dass Kollagenasen das Bindegewebe aufweichen und somit einem Tumor den Raum verschaffen kann, den er zu seinem Wachstum benötigt.  Und das fehlende oder mangelhaft vorhandene Lysin kann dem nichts entgegen setzen.

Das klingt logisch. Weniger logisch aber erscheint mir die Vorgehensweise, einen vorhandenen Tumor dadurch zu bekämpfen, indem man ihm mit Platzmangel droht. Hier erscheint mir der Einsatz von medizinischen Pilzen (auch Heilpilze genannt) vielversprechender. Denn die Heilpilze haben meines Erachtens nicht nur mehr biologisch aktive Inhaltsstoffe als das Serum, die zudem auch noch synergistisch wirken. Heilpilze (und eine Reihe von Heilpflanzen) kennen zudem verschiedene „Taktiken“ einen Tumor zu bekämpfen. Ich muss zugeben, dass Platzmangel nicht zu diesen Taktiken gehört. Aber die Initiierung von Apoptose der Tumorzellen, Blockierung der Neubildung von zuführenden Blutgefäßen zum Tumor (Angiogenese) und eine direkte zytotoxische Wirkung auf die Tumorzellen sind drei Strategien, die oft gleichzeitig gefahren werden.

In Sachen „Aminosäuren“ scheint man sich im Artikel nicht ganz sicher zu sein, ob es jetzt 22 oder doch nur 20 Aminosäuren sind, aus denen unser Organismus „wertvolle“ Proteine herstellen kann. Danach erfolgt eine Dozierung über Wirksamkeit und Wirkmechanismen von Enzymen, Proteinen etc., die ich eher als chaotisch empfinde. Typisch dafür ist diese Passage:

„Je nach Aufgabe gehören diese Enzyme zu drei verschiedenen Gruppen: Die Kohlenhydrate (Zucker und Stärke) spaltenden Enzyme sind die Amylasen, die Fett spaltenden die Lipasen und die Protein spaltenden die Proteasen. Die Tatsache, dass zwei dieser drei Gruppen in dem bio-homöopathischen Metastasin Serum vorhanden sind, erklärt ihre Wirkung auf den Verdauungsprozess.“

Die Charakterisierung der drei Enzymgruppen geht ja in Ordnung. Es handelt sich hier um humanbiologisches Basiswissen aus der Mittelstufe des Gymnasiums. Aber den Bezug auf das hier hochzulobende Metastasin kann ich nirgends entdecken.

Und warum sollen ausgerechnet nur zwei von drei Gruppen im Serum die tolle Wirkung verursachen? Warum nicht alle drei? Und warum handelt es sich hier um ein „homöopathisches“ Serum, das dann noch als „bio-homöopathisch“ ausgepriesen wird? Für mich klingt das nach einer Marketingstrategie, die auch alle Biofreunde und Freunde der Homöopathie für das Produkt über diese Reizworte ins Boot holen will.

Danach geht es hurtig weiter mit Antibiotika, deren Schädlichkeit und der Möglichkeit, mit dem Serum Segen zu verbreiten. Auch hier wieder die gleiche chaotische Argumentationsführung wie zuvor.

Wieder schlichtweg unsinnig wird es dann bei dieser Überleitung, die auf die Notwendigkeit des Serums zurudert:

„Bei ernsten Traumata und wenn Bakterien Gewebeschädigungen hervorrufen, indem sie die Fähigkeit der Proteine mindern, Antikörper zu ihrer Beseitigung zu produzieren, braucht der menschliche Körper Hilfe von außen.“

Es ist mir vollkommen unklar, dass Proteine die Fähigkeit haben, Antikörper zu bilden. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Antikörper von bestimmten Immunzellen, den B-Lymphozyten, gebildet werden. Aber vielleicht ändert sich das, wenn man genug von dem Metastasin-Serum zu sich genommen hat? 

Und warum eine mangelhafte Hydrolysierung von Nahrungsmitteln die Gabe von Antibiotika erforderlich macht, kann ich auch nicht aus dem Artikel ableiten.

Und es wird noch bunter im Metastasin-Serum-Land:

„Wir wissen, dass es zufällig gefundene Pflanzenpräparate gibt, die die perfekte Ergänzung für die biologischen Erfordernisse des menschlichen Körpers sind, die alles haben, was der Körper braucht, um gesund zu bleiben! Diese Pflanzen enthalten alle Vitamine und Mineralsalze, alle Mono- und Polysaccharide (Zucker) sowie die erforderlichen proteolytischen Enzyme, damit diese heilenden Botschaften gesendet werden können!
Wir betonen, dass diese Elemente, die die Gewebe heilen und revitalisieren können, nicht einzeln messbar sind, sondern mit der Durchdringungskraft des Lignins und der proteolytischen Enzyme zu den entsprechenden Stellen, nämlich den Tumoren und Metastasen gelangen und sie vernichten.“

Jetzt gibt es also auch noch eine neue Taxonomie bei den Pflanzen, die in „zufällig gefundene“ und „gezielt gesuchte“ Pflanzenpräparate unterteilt. Da gefällt mir die neue Einteilung der Bäume von Prof. Dr. Otto Waalkes viel besser, der die Bäume in Nadel- und Fadenbäume einteilte.

Und als wichtigster heilender Wirkstoff der zufällig gefundenen Pflänzchen tauchen wieder einmal die Zucker auf. Auch die Gleichsetzung von Polysacchariden mit Zucker hat nichts mit der biochemischen Wirklichkeit zu tun.

Der letzte Absatz hat es dann besonders in sich: Denn der behauptet, dass man die Elemente, die heilen, nicht messen kann, sondern nur aufgrund von Lignin und proteolytischen Enzymen an die Tumore ran kommt, um sie dann zu vernichten.

Dieser Absatz ist erst einmal das Eingeständnis, dass das nette Serum keine Tumorgenese verhindern kann, sondern ganz im Stil der Schulmedizin eine bestehende Störung erst in Angriff nimmt, wenn sie sich schon als Tumor manifestiert hat. Warum ausgerechnet Lignin hier von Bedeutung ist, ist mir ein Rätsel.

Es gibt Arbeiten, die gezeigt haben, dass Lignin eine gewisse zytotoxische Potenz und anti-oxidative Eigenschaften besitzt, aber alles in einem eher zurückhaltenden Rahmen. Es gibt natürliche Substanzen, die in dieser Kategorie deutlich mehr zu bieten haben. Von einer „Durchdringungskraft des Lignins“ habe ich bislang noch nichts gelesen. Es hört sich mehr nach der Werbung für „Meister Proper“ an, der mit seiner Durchdringungskraft die Wäsche strahlend weiß macht. Übrigens: Kümmel enthält reichlich Lignin...

Die Anthrachinon Sache

Nachdem noch einmal das Geheimnis des Glaubens an das Serum beschworen wird („Die Anwesenheit von Lignin und proteolytischen Enzymen erhöht die Durchdringungsfähigkeit des Metastasin Serums, die sich nicht durch Labortests erklären lässt und vielleicht niemals erklärt werden kann. Sie müssen versuchen, die wahre Bedeutung von Synergie zu verstehen, denn darin liegt das Geheimnis des Metastasin Serums.“), biegt der Artikel langsam auf die Ziellinie ein. Denn es geht urplötzlich um Anthrachinone, die eine „unendliche Fähigkeit zur Kombination und Rekombination mit den Inhaltsstoffen des Metastasin Serums“ haben.

Anthrachinone sind organische aromatische Stoffe, die in der Rhabarberwurzel, Faulbaumrinde, Kreuzdornbeeren etc. vorkommen. Sie werden als Abführmittel und Antimalariamittel eingesetzt. Derivate werden als Chemotherapeutika eingesetzt, wie zum Beispiel Mitoxantron, Pixantron etc.

Auf genau dieser Substanz „reitet“ der Anbieter des Serums, wenn er zum ultimativen Overkill in Sachen Marketing ansetzt: Eine wissenschaftliche Studie, die alles beweisen kann.

Denn am Schluss des ellenlangen Beitrags wird diese Studie genannt und abgedruckt. Die Überschrift lautet: „Metastasin Serum Recipe is a New Type of Anticancer Agent with Selective Activity against Neuroectodermal Tumors“. Und die Studie kommt aus Italien.

Leider ist diese Studie für mich unauffindbar. Dafür gibt es aber eine Studie mit den gleichen Autoren aus den gleichen italienischen Instituten (aus dem Jahr 2000) mit dem Titel: „Aloe-emodin is a new type of anticancer agent with selective activity against neuroectodermal tumors.“

Das sich darauf anschließende Abstract ist bei beiden „Veröffentlichungen“ identisch, bis auf den Unterschied, den auch die Überschrift aufweist: Aloe-emodin wurde im Glaubens-Serum-Artikel großzügig durch „Metastasin Serum Recipe“ ersetzt, die Abkürzung „AE“ dagegen beibehalten.

Es ist mir aus den Ausführungen der Metastasin-Serum-Hersteller nicht ersichtlich, dass ihr Serum Anthrachinon enthält. Auch die Hauptaussagen zur Wirkung beruhten auf Zucker, Aminosäuren, Enzymen und Proteinen. Aber die wissenschaftliche Arbeit, die alles wissenschaftlich legitimieren sollte, hat als Gegenstand der Untersuchung nur Anthrachinon zu bieten. Und doch soll das der Beweis für die Güte des Serums sein?

Und weil Anthrachinon und Aminosäuren und Co. etwas vollkommen anderes sind, hat man sich im Hause Serum-Saft entschlossen, eine Anthrachinon-Publikation so zu ändern, dass der Eindruck entsteht, die Arbeit sei mit dem hauseigenen Produkt durchgeführt worden?

Das passt dann auch zu der Tatsache, dass man als wissenschaftliche Autorität ausgerechnet Robert Weinberg zitiert, der bekannt geworden ist als der Erste, der ein Onkogen hat finden können (und als Erster ein Tumorsuppressor-Gen). Er hat aber auch Furore gemacht als ein Wissenschaftler, der einiges an Übung im Zurückziehen von Veröffentlichungen hat, da man ihn der Datenmanipulation hat überführen können (Retraction Watch - Tracking retractions as a window into the scientific processCancer Research retraction is fifth for Robert Weinberg; fourth for his former student).

Und mal noch ganz nebenbei: Der Name des Produkts ist mir irgendwie unheimlich. Denn „Metastasin“ assoziiert bei mir eine Metastasenbildung und nicht deren Verhinderung. Metastasin hat eigentlich eine ganz andere Bedeutung: Es ist eigentlich ein Wort für das S100 kalziumbindende Protein A4, das von Tumorzellen gebildet wird und die Tumorentwicklung vorantreibt (Integrin α6β4 Controls the Expression of Genes Associated with Cell Motility, Invasion, and Metastasis, Including S100A4/Metastasin)

Fazit

Metastasin Serum und seine Bewerbung durch die oben zitierte Webseite basiert auf „Geheimnissen“, die der Leser glauben soll. Danach kommt eine für mich sehr „merkwürdige“ Wissenschaft, die den Glauben an die Aussagen belegen will aber letztendlich nur stärken kann, da Wissenschaft und Glauben nicht viel miteinander zu tun haben.

Es geht dazu noch homöopathisch einher, denn die vielen Anhänger der Homöopathie will der Hersteller nicht vernachlässigen, handelt es sich doch hier um potentiell kaufkräftige Kunden, die keine Probleme mit Selbstzahlungen für Medikamente etc. haben. Man verstehe mich hier nicht falsch: Ich halte von der Homöopathie sehr viel. Ich schreibe dazu auch ausführlicher in meinem Beitrag: Homöopathie im Einsatz gegen Krebs.

Mit Metastasin erhalten wir anscheinend ein Produkt, das viele Inhaltsstoffe hat, hoch konzentriert, und irgendwie auch "homöopathisch" sein soll, wissenschaftlich gut belegt ist  und dafür auch einen ordentlichen Preis verlangt: 2 Flaschen a 700 ml für nur 1750 Euro. Ein Schnäppchen.

Aber: Der Preis wäre aus meiner Sicht absolut gerechtfertigt, wenn das Produkt das kann, was es vorgibt. Aber ich habe da so meine Zweifel…

Dieser Beitrag wurde am 18.04.2016 erstellt.


 

 

 

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