Ist Rohmilch gesund?

Erfahrungen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Als überholt geltend und von der länger haltbaren Milch nahezu aus den Supermärkten und Kühlschränken verbannt, erlebt sie seit geraumer Zeit einen neuen Aufschwung: Die Rohmilch. Viele Bestandteile der Milch sind in dem Natur-Produkt in aktiver Form enthalten, während diese Wirkstoffe in pasteurisierter und ultrahocherhitzter Milch größtenteils denaturiert sind.

Diese Inhaltsstoffe können vor Krankheiten wie Asthma, Infekten der Bronchien, des Nasen-Rachen-Raumes, der Bindehaut, der Ohren, sowie Allergien und atopischem Ekzemen schützen. Dies bestätigen mehrere wissenschaftliche Studien.Trotzdem ist der Verzehr von Rohmilch alles andere als "ohne": Denn sie birgt selbst im reinsten Zustand immer noch genügend Keime und Bakterien, die unter ungünstigen Umständen die Gesundheit gefährden können.

Doch was heißt das, wenn es um den Verzehr von Rohmilch geht? Ist diese nun gesund oder doch eher ungesund? Mit dieser Frage beschäftigen sich seit Jahren zahlreiche Studien, wie beispielsweise die jüngste Studie des "Wisconsin Department of Agriculture - Trade and Consumer Protection" (zu Deutsch das Amt der Agrarwirtschaft in Wisconsin Abteilung des Unternehmens- und Verbraucherschutzes).

Selbstverständlich handelt es sich bei der modernen Milchproduktion keinesfalls um altbackene Verfahren und gemütliche Bauernhof-Atmosphäre. Trotzdem kann man nicht immer vermeiden, dass Rohmilch nicht nur zum Träger von wertvollen Inhaltsstoffen wie Vitamin A, Vitamin B, Vitamin C, Vitamin D, Vitamin E und Vitamin K und gesunden Milchsäurebakterien wird – sondern unter Umständen auch von weniger gesunden Inhaltsstoffen.

Hinzu kommt die immer häufiger auffallende Tatsache, dass Menschen, die gehäuft H-Milch zu sich nehmen unter Asthma oder an verschiedenen Allergien leiden. Das belegen nicht nur Studien wie oben genannte, sondern zahlreiche weitere Studien aus Deutschland, den USA und auch aus Australien.

Eine US-amerikanische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Rohmilch das Risiko für Atemwegserkrankungen bei Babys um 30 % reduziert (http://www.jacionline.org/article/S0091-6749(14)01274-3/abstract). Im Gegenzug wiesen Studien jedoch auch nach, dass manche Menschen, die in ihrer Kindheit viel Rohmilch genossen hatten, später unter Multiple Sklerose litten. Das Deutsche Ärzteblatt rechnet vor, dass 17 % aller Rohmilchtrinker in 10 Jahren mindestens eine Darminfektion erleiden (http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/56966). Ob der kausale Zusammenhang signifikant bewiesen ist, bleibt fraglich.

Doch was bedeutet das nun für den Milchgenuss? Sollte es besser Rohmilch oder doch H-Milch sein?

Nach wie vor scheiden sich hier die Geister. Und diese Scheidung beginnt grundlegend schon bei der Produktion der Milch und damit, dass Kühe, die gezielt Rohmilch hergeben sollen, gesundheitlich oft komplett anders gehalten werden, als Kühe aus der reinen H-Milch-Produktion. Allerdings verwendet man hier meistens weniger Dinge wie Antibiotika oder spezielle Futtermittel, um die Milch (die später abgekocht werden soll), reicher an Proteinen, Vitaminen und Co. zu machen. Der Grund ist der, dass ein Teil der Inhaltsstoffe beim Erhitzen und Haltbarmachen verloren geht. Gleichzeitig macht man dabei jedoch auch den guten und den schlechten Bakterien den sprichwörtlichen Garaus. Doch darüber, ob Rohmilch nun gesünder als H-Milch ist, oder umgekehrt, streiten sich nach wie vor Experten weltweit.

Wo genau liegt der physiologische Unterschied?

Obwohl sich menschliche Muttermilch und Kuhmilch in ihrer Zusammensetzung unterscheiden, sind viele Bestandteile so ähnlich, dass sie teils in dieselbe Richtung wirken. Dies gilt jedoch nicht, wenn Proteine durch Hitzeeinwirkung verändert sind. In ultrahocherhitzter Milch sind die Eiweiße fast vollständig, in pasteurisierter Milch immerhin noch zu einem erheblichen Teil denaturiert. Zu den Molke-Proteinen zählen nicht nur Nährstoffe, sondern auch eine Reihe von Eiweißen, die das Immunsystem beeinflussen oder direkt antimikrobiell wirken. Diese Fraktion beinhaltet Β-Lactoglobulin, α-Lactalbumin, Serumalbumin, Immunglobuline, Lactoferrin, Enzyme (z. B. Lysozym) sowie Cytokine wie TGF-β (Transforming growth factor beta) und Interleukin 10 (IL-10).

TGF-β schützt im Tiermodell vor Allergien und auch die Immunglobuline vom Typ A (IgA) wirken der Funktion der IgEs entgegen und können die Überempfindlichkeiten unterdrücken. Der Wachstums-Faktor fördert daneben die Reifung von Immun-Zellen. Zudem induziert TGF-β1 die Produktion von Tight Junctions in der Darmschleimhaut. Das sind Verbindungsstellen zwischen den Zellen, die ihnen nicht nur festen Halt untereinander geben, sondern auch eine Barriere gegen Krankheitserreger und Toxine bilden.

Dieser Schutzschirm wird auch durch die komplexen Oligosaccharide gestärkt, die in Rohmilch in unveränderter Form vorkommen. Mikroben im Dickdarm metabolisieren diese Zucker zu kurzkettigen Fettsäuren, die die Entstehung von Tight Junctions anregen. Zudem spielen die organischen Säuren wie Essig- und Propionsäure auch eine Rolle in der Stabilisierung der Darm-Lungen-Achse des Immunsystems.

Einzelne Immunglobuline aus der Rohmilch greifen Krankheitserreger direkt an. Die Rinder-IgGs gegen das RSV (Respiratory Syncytial Virus) binden auch das RS-Virus, das den Menschen, vorrangig Säuglinge befällt. Babys, die die Infektion durchlebt haben, entwickeln im späteren Leben häufiger Allergien.

Lactoferrin hemmt die Ausschüttung Allergie-fördernder Zytokine und greift die Zellwände von Bakterien an. Das Milch-Protein kann damit Hypersensibilisierungen hemmen und Krankheitserreger bekämpfen. Weil Lactoferrin Bifido- und Lactobakterien nicht angreift, fördert das Milcheiweiß eine gesunde Darmflora.

Durch die Homogenisierung werden die Fetttröpfchen der Milch verkleinert, wodurch sich ihre Gesamtoberfläche vergrößert. Das Milcheiweiß Kasein kann so besser verdaut werden, fördert dadurch aber möglicherweise auch Allergien. Zumindest gibt es Hinweise auf den Zusammenhang aus Tierversuchen.
Umstritten ist, ob die in Rohmilch intakt erhaltene exosomale microRNA positiv zu bewerten ist.

Babys soll die miR-155 bei der Entwicklung des Immunsystems unterstützen, weswegen Überlegungen angestellt werden, den Wirkstoff Säuglingsnahrung zuzusetzen. Bei Erwachsenen soll miR-155 jedoch Krebs auslösen können.

Der Gesetzgeber hat eine Antwort – berechtigte Fragen bleiben

Die meisten Gesundheitsbehörden der westlichen Welt stellen sich auf die Seite der Rohmilchgegner und verbieten deren Verkauf oder schränken ihn drastisch ein. Die Abschätzung des Infektions-Risikos mit EHEC, Listerien, Staphylococcen und anderen Erregern scheint sehr schwierig. Auf keinen Fall allerdings ist die Gefahr durch Rohmilch dramatisch. In Kalifornien soll es 100.000 Rohmilchtrinker geben. Dort wird das Infektions-Risiko auf weit unter 1 % beziffert.

Doch warum behandeln die Behörden Rohmilch dann so radikal? Vergleichen wir die Gefahren durch Rohmilch doch mal mit denen anderer Lebensmittel: Pestizid-Rückstände in Obst und Gemüse, Antibiotika im Fleisch, Weichmacher in Kunststoffflaschen, Maschinenöl in Süßigkeiten, Zuckerflut durch Limos, ganz zu schweigen von Alkohol und Nikotin. Warum wird das alles mehr oder weniger toleriert?

Der US-amerikanische Publizist David Gumpert hat darauf eine provozierende Antwort: Die Bevorzugung der pasteurisierten Milch und der H-Milch durch die Behörden nutzt den großen Produzenten. In seinem Buch „The Raw Milk Revolution: Behind America´s Emerging Battle Over Food Rights” (2009) stellt der Autor unter anderem dar, wie sehr die Lebensmittel-Industrie auf die konservierte Milch angewiesen ist.

Die langen Transportwege machen einen großflächigen Handel mit Rohmilch schlicht unmöglich. Das Rohmilchverbot, das in vielen US-Bundesstaaten besteht, behindert vor allem regionale Händler und den Bauern als Direkt-Vermarkter. Will die Administration diese Konkurrenz der Milk-Tycoons ausschalten?

Die Grundsatzfrage

Jenseits des Streites um Rohmilch, pasteurisierter Milch und H-Milch kommt zunehmend die Frage auf, ob Milch grundsätzlich überhaupt gesund ist. Schließlich sind in der Säuger-Emulsion nicht nur Nährstoffe, sondern auch Hormone enthalten. Hier sind keine Rückstände aus der Produktion gemeint, sondern biologisch „gewollte“ Botenstoffe, die die Entwicklung des neugeborenen beeinflussen sollen. Für einen Erwachsenen können diese Proteine negative Folgen haben.

Wer Milch trinkt, löst damit die Ausschüttung von Insulin aus. Dies geschieht aber nicht durch die Wirkung der Lactose, sondern durch einen Reiz, der vom Molkeprotein ausgeht. Daneben facht Milch die Wirkung des mTORC1-Systems an (Mechanistic Target of Rapamycin). Der Komplex besteht aus mehreren Proteinen, deren zentrale Einheit eine Serin/Threonin-Kninase ist, die eine herausragende Relevanz für den Umsatz der verzweigtkettigen Aminosäuren darstellt.

Auch das mit dem Insulin strukturell verwandte IGF-1 (Insulin Like Growth Factor 1) wird durch den Trigger sezerniert. Dieses Hormon reguliert die Teilung und das Wachstum von Zellen, beides Vorgänge, die im heranwachsendem Säuger-Organismus von großer Bedeutung sind. IGF 1 wiederum triggert die Produktion der Androgene und eines Enzyms, das an der Steuerung des Hormonstoffwechsels beteiligt ist. Unter der Wirkung der 5α-Reduktase kommt es zur Umwandlung von Testosteron zu Dihydrotestosteron, das einen viel stärkeren androgenen Effekt hat als die Vorstufe.


IGF 1 greift auch direkt in die Aktivität von Genen ein. So sorgt das Peptidhormon für die Ausschleusung von FoxO1 aus dem Zellkern ins Zytoplasma. Der Transkriptionsfaktor bindet an Gene, die dann nicht in Genprodukte umgesetzt werden können. FoxO1 blockiert Gene, die Enzyme des Stoffwechsels kodieren. Letztendlich bewirkt dieses „Steuerrad“ eine Anregung metabolischer Prozesse.

Andere Faktoren in der Milch können genetische Prozesse hemmen. Beispielsweise die microRNA in den Exosomen (Membran-umschlossene Nano-Partikel) sind solche Mediatoren, die den Gen-Stoffwechsel auf ein niedrigeres Niveau einstellen. Die Regulierung der Gene erfolgt dabei immer hochspezifisch mit dem Ziel einer ausgewogenen Balance. Milchtrinker stören dieses innere Gleichgewicht, mit im einzelnen nicht genau beschreibbaren Folgen. Bekannt ist aber, dass die microRNA21 die Krebsentstehung vorantreibt.

Dies gilt auch für die microRNA155, die nur für heranwachsende eine positive Wirkung hat. Dieser Faktor bewirkt die optimale Entwicklung des Immunsystems. Auch eine andere banale Erkrankungen können Wissenschaftler heute dem Einfluss der Milch zuordnen: Akne ist demnach eine Folge des Milchtrinkens. Teenager mit dem gestörten Hautbild sollten dies berücksichtigen.

Gravierender hingegen sind allerdings die Krankheiten, die als Begleiterscheinung der Zivilisation gelten. Die hochgesteuerte mTORC1 ist eine der Ursachen für Krebs, Diabetes, Übergewicht, Demenz und Alzheimer.

weitere Themen: Laktose Unverträglichkeit - Mandelmilch - Milch

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Dieser Beitrag wurde letztmalig am 30.05.2019 aktualisiert.

 

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