Acetylcystein (ACC) kann viel mehr als nur Husten lösen!

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Acetylcystein, genauer gesagt: N-Acetylcystein (NAC), ist ein N-Acetyl-Derivat der Aminosäure L-Cystein, die wiederum eine (von drei) Vorgängersubstanz(en) für Glutathion ist. Zu der zentralen biologischen Bedeutung von Glutathion habe ich diesen Beitrag verfasst: Aminosäure Glutathion | Anwendung - Wirkung und Nutzen.

Bei Acetylcystein handelt es sich um ein apothekenpflichtiges Präparat beziehungsweise Nahrungsergänzungsmittel, das nicht sonderlich bekannt zu sein scheint, obwohl es mit einer Reihe von Vorzügen versehen ist. Außerdem ist es schon recht lange auf dem Markt. Im Jahr 1960 wurde festgestellt, dass Thiole in der Lage sind, Schleim zu lösen. Thiole sind biochemisch gesehen Alkohole, deren Sauerstoffatom durch ein Schwefelatom ersetzt worden ist. Und dieses Schwefelatom ist „der ganze Trick“ bei dieser Verbindung. Cystein ist eine schwefelhaltige Aminosäure, dessen Schwefelatom an der schleimlösenden Wirkung beteiligt ist.

Acetylcystein hat sich über die Jahre hinweg als eine sehr sichere und auch preiswerte Substanz erwiesen. Nebenwirkungen sind kaum bekannt. Wenn die Substanz intravenös verabreicht wird, dann können Hautirritationen, Juckreiz und Nesselsucht als unerwünschte Wirkungen auftreten. Es sind bei der intravenösen Gabe auch anaphylaktische Reaktionen beobachtet worden. Bei der oralen Gabe können gelegentlich Hautirritationen, Übelkeit und Erbrechen auftreten, deren Häufigkeit laut Drugs.com im Bereich von 10 Prozent liegt (Acetylcysteine Side Effects in Detail – Drugs.com).

Dagegen steht eine breite Palette an Vorzügen und Einsatzmöglichkeiten, zum Teil mit enormer klinischer Relevanz, abgesehen von seinem bekanntesten Einsatzgebiet als Mucolytikum (Expectorans - Schleimlöser).

Einsatzgebiete für Acetylcystein

Mucolytische Therapie

Bei Bronchitis oder anderen Lungenerkrankungen, bei denen zäher Schleim in den Atemwegen vorliegt, kann Acetylcystein oral oder inhalativ verabreicht werden. Ob es hier wirklich zu einer Verflüssigung von zähem Schleim kommt, das wird besonders bei den Vertretern der Schulmedizin infrage gestellt.

Eine im Jahr 2015 erschienene Studie mit 42 Patienten mit schwerer chronisch obstruktiver Atemwegserkrankung und erhöhter Schleimbildung zeigte keine signifikanten Unterschiede zwischen Acetylcystein-Gruppe und Placebogruppe (N-acetylcysteine in patients with COPD exacerbations associated with increased sputum. - PubMed – NCBI).

Dagegen spricht dann eine ein Jahr zuvor gemachte klinische Studie mit Kindern und Kleinkindern (Effectiveness of nebulized N-acetylcysteine solution in children with acute bronchiolitis. - PubMed - NCBI). Hier kam allerdings kein Placebo zum Einsatz, sondern stattdessen ein Bronchodilatator (Salbutamol). Acetylcystein und Salbutamol wurden hier über einen Inhalator verabreicht.

Insgesamt nahmen 100 Kinder an der Studie teil. Das Durchschnittsalter lag bei 3 Monaten. Alle Kinder litten zu diesem Zeitpunkt an einer akuten Bronchitis. Im Vergleich zu Salbutamol zeigte Acetylcystein eine Verbesserung des Schweregrads der Bronchitis und eine kürzere Verweildauer im Krankenhaus.

Eine im Jahr 2013 erschienene Studie (High-dose N-acetylcysteine in stable COPD: the 1-year, double-blind, randomized, placebo-controlled HIACE study. - PubMed - NCBI), deren Beobachtungszeitraum über ein Jahr lief, zeigte bei 120 Teilnehmern mit chronisch obstruktiven Atemwegserkrankungen eine signifikante Verbesserung der Funktion der kleinen Atemwege und eine deutliche Abnahme der Exazerbation (Verschlechterung des Krankheitsbildes) bei diesen Patienten.

Diese interessante Arbeit aus dem Jahr 2012 stellt eine weitere Erklärung für die mucolytische Wirksamkeit von Acetylcystein in den Raum (N-Acetylcysteine mucolysis in the management of chronic obstructive pulmonary disease. - PubMed - NCBI): Laut Autor gibt es Hinweise, dass Acetylcystein in der Lage ist, die Produktion von Schleim in den Atemwegen zu reduzieren, indem es die dafür zuständigen genetischen Kontrollen „außer Gefecht setzt“. Acetylcystein ist bekannt als eine stark antioxidativ wirksame Substanz, die zudem entzündungshemmend wirkt. Über die Verhinderung von oxidativem Stress und Entzündungen kommt dieser Effekt zustande.

Eine weitere Indikation für Acetylcystein ist die Mukoviszidose (zystische Fibrose). Auch hier gibt es Vorbehalte der Schulmedizin bezüglich der Effektivität von Acetylcystein bei dieser Erkrankung. Laut Metaanalyse des Cochrane Instituts (Nebulized and oral thiol derivatives for pulmonary disease in cystic fibrosis. - PubMed - NCBI) gibt es keine klinische Relevanz von schwefelhaltigen Derivaten in Bezug auf Mukoviszidose. Allerdings geben die Autoren zu bedenken, dass es bislang keine qualitativ hochwertigen Studien zu dieser Fragestellung gibt.
Mein Fazit: Mukoviszidose ist keine sehr häufig auftretende Erkrankung. Von daher handelt es sich bei diesen Patienten um ein sehr kleines und damit relativ beschränktes Marktsegment, wo finanziell aufwändige Studien nicht sonderlich interessant sind. Aber auch hier scheint man wieder mal fehlende Informationen mit Wirkungslosigkeit zu verwechseln.

Antidot bei Paracetamol-Vergiftung

Für diese Indikation gibt es selbst bei der Schulmedizin keine Zweifel, dass Acetylcystein hier das Mittel der Wahl zu sein hat. Selbstverständlich handelt es sich hier um eine Notfallmaßnahme, die im Krankenhaus vorgenommen wird (in der Regel). Orale Gabe und die Infusion zeigen hier vergleichbare Ergebnisse. Da hier mit sehr hohen Konzentrationen gearbeitet werden muss, ist die orale Verabreichung weniger gut verträglich, da hier vermehrt Übelkeit und Erbrechen auftreten können.
Bei der Verstoffwechselung von Paracetamol taucht ein Metabolit auf, der sich im Organismus akkumuliert. Dieser Metabolit wird unter normalen Bedingungen von Glutathion konjugiert. Unter einer „Konjugation“  versteht man (aus biochemischer Sicht), dass die Metabolite mit körpereigenen wasserlöslichen Stoffen verbunden werden, die dann in der Regel weiter abgebaut werden, beziehungsweise über diesen Zwischenschritt erst abbaubar gemacht werden.

Bei einer Überdosierung mit Paracetamol kommt es zu einer hohen Anflutung mit Metaboliten, die die Glutathion-Reserven plündern. Ohne Glutathion jedoch können die toxischen Metabolite nicht neutralisiert werden, weswegen es zu einer insbesonderen lebertoxischen Wirkung kommt. Die bekannten Folgen sind schwere Leberschädigungen bis hin zum akuten Leberversagen.

In diesem Fall sorgt Acetylcystein dafür, dass die Glutathion-Reserven in der Leber schnell erneuert werden. Bei Überdosierung sollte der Einsatz von Acetylcystein so früh wie möglich erfolgen, keinesfalls aber später als 10 Stunden (laut FDA) nach Intoxikation. So kann die Komplikationsrate auf ungefähr 3 Prozent „gedrückt“ werden, wenn Acetylcystein innerhalb der ersten 10 Stunden nach Überdosierung ausreichend dosiert gegeben wird.

Siehe auch: Paracetamol - Schmerzlindernd? Oder Zombiemittel?

Nieren schützende Eigenschaften

Oral verabreichtes Acetylcystein kommt oft zum Einsatz, um eine mögliche durch Kontrastmittel verursachte Nierenschädigung zu verhindern. Es gibt einige Studien, die gezeigt haben, dass Acetylcystein die nierenschädigende Wirkung von Kontrastmitteln reduziert (Prevention of radiographic-contrast-agent-induced reductions in renal function by acetylcysteine. - PubMed – NCBI).

Andere Arbeiten, ebenfalls schulmedizinischer Natur, finden bedingt gegenteilige Ergebnisse: The value of N-acetylcysteine in the prevention of radiocontrast agent-induced nephropathy seems questionable. - PubMed – NCBI.

Eine weitere Arbeit aus einem Universitätskrankenhaus (N-acetylcysteine reduces contrast-associated nephropathy but not clinical events during long-term follow-up. - PubMed - NCBI) kommt zu einem noch originelleren Ergebnis. Die Autoren stellen fest, dass Acetylcystein kontrastmittelbedingte Nierenschäden verhindern kann, jedoch keinen Einfluss hat auf Mortalitätsrisiko, nicht tödliche Herzinfarkte oder akut indizierte Dialysen.

Obstruktive Lungenerkrankungen

Unter dieser Art der Lungenerkrankung werden alle die Indikationen subsumiert, bei denen eine Verengung der Atemwege als Folge der Erkrankung auftreten. Dies sind Asthma, Bronchiektasie, Bronchitis und chronisch-obstruktiver Atemwegserkrankungen.

Hierzu eine ältere Arbeit aus dem Züricher Universitätskrankenhaus (The effect of oral N-acetylcysteine in chronic bronchitis: a quantitative systematic review. - PubMed - NCBI), die bei einer Behandlungsdauer von 12-24 Wochen das Risiko für eine Exazerbation als signifikant gesenkt beschreibt, und darüber hinaus eine deutliche Verbesserung der Symptome im Vergleich zu Placebo attestiert.

Eine Metaanalyse aus dem gleichen Jahr (2000) und ebenfalls aus der Schweiz kommt zu sehr vergleichbaren Ergebnissen: Efficacy of oral long-term N-acetylcysteine in chronic bronchopulmonary disease: a meta-analysis of published double-blind, placebo-controlled clin... - PubMed – NCBI

Andere Vorteile

Statt einer Grippeimpfung ist es durchaus vorstellbar, prophylaktisch Acetylcystein gegen Influenza A einzunehmen. Eine Arbeit aus dem Jahr 2010 zeigte, dass Acetylcystein die Replikation des Influenza-A-Virus hemmt: N-acetyl-L-cysteine (NAC) inhibits virus replication and expression of pro-inflammatory molecules in A549 cells infected with highly pathogenic H5N... - PubMed – NCBI. Die Autoren zeigten zudem eine starke entzündungshemmende Wirksamkeit der Substanz, die bereits von anderen Autoren berichtet wurde.

Acetylcystein hat darüber hinaus auch bakterizide (Bakterien abtötende) Eigenschaften. Die Substanz ist darüber hinaus in der Lage, bakterielle Biofilme von klinisch relevanten Pathogenen abzubauen, wie zum Beispiel Pseudomonas aeruginosa, Staphylococcus aureus, Enterococcus faecalis, Enterobacter cloacae, Staphylococcus epidermidis und Klebsiella pneumoniae. Die entsprechende Arbeit dazu stammt aus dem Jahr 2011: Role of antibiofilm-antimicrobial agents in controlling device-related infections. - PubMed – NCBI.

Andere vorteilhafte Wirkungen mit mehr oder weniger ausreichender Dokumentation sind:

  • Verbesserung der Qualität von Spermien und damit Verbesserung der Fruchtbarkeit
  • Verringerung des Risikos für Frühgeburten und Fehlgeburten
  • Behandlung von HIV-Infektionen
  • Verringerung des Risikos für eine Insulinresistenz
  • Verbesserung der Barrierefunktion der Darmwände und damit eine Verringerung des Risikos für ein Leaky-Gut-Syndrom
  • Zusatzbehandlung bei Hirnschäden
  • Verbesserung der Überlebensrate nach Herzinfarkt
  • Verbesserung der Regeneration von Knochensubstanz
  • Behandlung oder Verhinderung von Depressionen, bipolaren Störungen, Zwangsstörungen, Morbus Alzheimer, Schizophrenie, Kokain-Abhängigkeit und progressiver Myoklonusepilepsie
  • Verminderung der Toxizität von Chemotherapeutika bei gleichzeitigem Schutz der DNA von gesunden Zellen. Es gibt allerdings Hinweise, dass Acetylcystein nicht mit bestimmten Chemotherapeutika „harmoniert“, sodass eine ärztliche Konsultation angezeigt ist, um hier Interaktionen zu vermeiden.

Allgemeine Dosierungsempfehlungen

Die Bioverfügbarkeit von Acetylcystein oral ist nicht wirklich überragend. Man geht heute von einer oralen Bioverfügbarkeit von nur 4-10 Prozent aus. Die Halbwertszeit liegt bei etwas mehr als 2 Stunden, weshalb in den meisten Studien Acetylcystein zwei- oder dreimal am Tag verabreicht wurde.
Wegen seiner vergleichsweise geringen Bioverfügbarkeit gibt es Empfehlungen, die von bis zu 1800 Milligramm pro Tag ausgehen. Bis zu diesem Zeitpunkt gibt es noch keine Untersuchungen zur Frage der maximal sicheren Dosis. Bei solchen Dosierungen können allerdings die bereits oben beschriebenen Nebenwirkungen auftreten. In diesem Fall sollte die Dosierung reduziert werden.

Die Empfehlung für 1800 Milligramm pro Tag kommt aus den USA (wo alles etwas größer ist als bei uns). In unseren Landen empfehlen die „Waschzettel“ der Acetylcystein-Produkte 400-600 Milligramm pro Tag. Bei Kindern wird diese Dosierung einfach halbiert.

Diese Dosierung gilt in den USA als „Startpaket“, auf dessen Grundlage der Patient langsam, aber sicher die Dosierung steigert, um gastrointestinale Probleme zu umgehen. In gewisser Weise ist diese Vorgehensweise sinnvoll, da höhere Dosierungen auch eine bessere Regeneration von Glutathion mit sich bringen, und damit eine bessere Entgiftung des Organismus unterstützt wird.

Fazit

N-Acetylcystein ist eine interessante Substanz mit einem breit gefächerten Wirkspektrum, das teilweise sogar von der Schulmedizin in Anspruch genommen wird. Ob Acetylcystein wirklich eine Substanz ist, die man über einen längeren Zeitraum prophylaktisch zu sich nehmen soll, das lässt sich aufgrund dessen, was man heute über die Substanz weiß, nicht so leicht beantworten. Ich denke aber, dass Mutter Natur in diesem Bereich entsprechend gleich gute, wenn nicht sogar noch bessere Alternativen zu bieten hat. Zur Behandlung von akuten und chronischen gesundheitlichen Problemen dagegen scheint Acetylcystein eine vielversprechende Substanz zu sein.

Dieser Beitrag wurde letztmalig am 11.02.2018 aktualisiert

 

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