Manchmal sind es merkwürdige Dinge, die man heute in alten Naturheilkunde Büchern findet, die kaum aber noch jemand praktisch beherrscht. Das Reibe-Sitz-Bad nach Louis Kuhne gehört dazu. Sieht merkwürdig aus… und was soll das bringen? Ein bischen Wasser…
Aber wie bei so vielen Dingen aus der Naturheilkunde: Es glaubt ja kaum noch jemand…
Herkunft und Grundgedanke
Louis Kuhne (1835–1901) war kein akademischer Theoretiker, sondern ein Praktiker der Naturheilkunde. Er ging davon aus, dass viele chronische Beschwerden weniger mit einzelnen Organen zu tun haben, sondern mit einer Überlastung des inneren Systems – besonders im Unterleib. Dort sah er ein zentrales Nervengebiet, eine Art Schaltzentrale für Verdauung, Stoffwechsel und vegetative Regulation.
Das Reibe-Sitz-Bad sollte genau hier ansetzen: nicht durch Reizüberflutung, sondern durch gezielte Kälte bei gleichzeitigem Warmhalten des übrigen Körpers. Ableiten statt unterdrücken. Regulieren statt bekämpfen.
Was dieses Bad nicht ist
Kein klassisches Sitzbad im Sinne von „im Wasser sitzen“. Kein Kneipp-Wechselbad. Und schon gar keine aggressive Kälteanwendung. Der Körper bleibt warm. Nur ein kleiner Bereich kommt gezielt mit kaltem Wasser in Kontakt – und auch dort ohne Scheuern, ohne Härte.
Die praktische Durchführung
So, wie sie sich über Generationen in der Naturheilkunde bewährt hat.
Vorbereitung
Der Raum muss warm sein. Keine Zugluft. Kein Frösteln vor Beginn. Wer friert, hat hier nichts gewonnen.
Du brauchst:
eine Wanne oder einen großen Eimer (10–20 Liter)
ein stabiles Sitzbrett oder einen niedrigen Hocker
ein grobes Leinen- oder Baumwolltuch
kaltes Wasser (10–15 °C, empfindliche Menschen auch 18–19 °C)
Der Wasserspiegel endet knapp unter der Sitzfläche. Du sitzt über dem Wasser, nicht darin. Oberkörper, Beine und Füße bleiben warm und trocken.
Sitzposition
Setz dich auf das Brett oder den Hocker. Die Beine liegen erhöht auf dem Wannenrand oder einem zweiten Hocker. Nur der Genitalbereich befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Wasser.
Die Reib-Waschung
Hier entscheidet sich, ob die Anwendung wirkt oder nur stresst.
Grundregel: viel Wasser, wenig Reibung.
Das Tuch ins kalte Wasser tauchen, möglichst viel Wasser aufnehmen.
Der Genitalbereich wird sanft gewaschen, nicht geschrubbt.
Das Tuch immer wieder eintauchen, frisches Wasser aufnehmen.
Bei Frauen:
Nur die äußeren Schamteile waschen. Keine inneren Bereiche, kein „Innenreinigen“. Die Bewegung bleibt ruhig, gleichmäßig, weich.
Hier eine zeitgenössische Darstellung wie dies zu früheren Zeiten bei Kuhne empfohlen wurde – ja auf einem Eimer. Es muss prakikabel sein – nicht bequem.
Bei Männern:
Die Vorhaut wird vor der Eichel zusammengehalten. Gewaschen wird ausschließlich die äußerste Spitze der vorgezogenen Vorhaut – sanft, kontinuierlich, mit reichlich Wasser.
Auch hier wieder eine zeitgenössische Darstellung:
Dauer und Häufigkeit
10 bis 15 Minuten, maximal 20 Minuten
Zu Beginn lieber kürzer
In klassischen Kuren täglich, teils auch zweimal täglich
Entscheidend ist nicht die Uhr, sondern das Körpergefühl. Sobald Frieren, Zittern oder Unwohlsein auftreten: abbrechen.
Nach der Anwendung
Genitalbereich nur abtupfen, nicht rubbeln
Sofort warm anziehen
Kurz bewegen, damit die Wärme zurückkehrt
Typische Reaktionen
Gerade in den ersten Tagen kann es zu Rötung oder leichtem Juckreiz kommen. In der Lehre Kuhnes galt das als Zeichen beginnender Ausscheidung. Aus heutiger Sicht: beobachten. Wird es stark, schmerzhaft oder anhaltend, gehört das abgeklärt.
Während der Menstruation pausiert man das Reibe-Sitz-Bad für etwa drei Tage.
Wofür wird es eingesetzt?
Naturheilkundlich wird das Reibe-Sitz-Bad weniger als „Therapie für X“ verstanden, sondern als regulierende Maßnahme bei:
allgemeiner Erschöpfung
träger Verdauung
nervöser Überreizung
chronischen Belastungszuständen
Es geht nicht um ein Symptom. Es geht um das Milieu.
Abgrenzung zum Kneipp-Sitzbad
Der Unterschied ist grundlegend:
Kuhne: aktiv waschen, kalt, Körper sonst warm, lange Dauer
Kneipp: stilles Sitzen im Wasser, warm oder wechselnd, kürzer
Beides hat seinen Platz. Aber es sind zwei völlig verschiedene Ansätze.
Wann Vorsicht geboten ist
Bei ausgeprägten Herz-Kreislauf-Problemen, schweren urologischen oder gynäkologischen Erkrankungen sowie in der Schwangerschaft gehört eine solche Anwendung in erfahrene Hände. Kälte ist ein Werkzeug. Kein Spielzeug.
Fazit
Das Reibe-Sitz-Bad ist kein Relikt aus einer skurrilen Vergangenheit. Es ist eine präzise Methode aus einer Zeit, in der man dem Körper noch zutraute, sich selbst zu regulieren – wenn man ihn lässt. Wer bereit ist, sich auf diese Ruhe einzulassen, entdeckt oft mehr Wirkung, als es die Schlichtheit vermuten lässt!
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