Hildegard von Bingen - Die Hildegard Medizin

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Hildegard von Bingen (1098 - 1179) war eine Ordensfrau der Benediktinerinnen, die ein fulminantes wissenschaftliches Lebenswerk hinterließ. Mit ihren Schriften über Naturwissenschaft, Pharmazie sowie Theologie und Medizin wirkt ihr Schaffen bis heute nach. Hildegard war schon zu Lebzeiten berühmt und präsentierte sich auch als Dichterin und Komponistin.

Bemerkenswert ist die Leistung Hildegards umso mehr, als dies im Hochmittelalter einer Frau gelang. Doch nicht nur deshalb befand sie sich stets im Streit mit der Kirche und ihrem Orden. Hildegard konnte viele Dogmen nicht akzeptieren und entwickelte sich zur Freidenkerin, was sie nicht verbergen wollte und konnte. Einige Historiker sehen in ihr sogar eine Wegbereiterin der Gleichberechtigung und der Aufklärung.  

Hildegard war von adeliger Herkunft und kam mit 8 Jahren ins Benediktiner-Kloster auf dem Disibodenberg zur Obhut der Jutta von Sponheim. Nach deren Tod stieg sie durch Wahl zur Magistra auf. Zu diesem Zeitpunkt begannen auch die Konflikte mit den Benediktinern, als sie Regeln des Fastens lockern wollte („Alles mit Maß“). Hart erkämpft war auch die Gründung ihres „eigenen“ Klosters im Jahr 1148, das sie als Äbtissin leitete.
Neben ihrem Hauptwerk spendet sie in über 300 Briefen Trost und Hilfe, prangert aber auch mutig die Missstände in Kirche und Staat an. Sie wurde dafür auch von der allmächtigen Kirche, die ja eigentlich die Nächstenliebe predigt, ein Jahr vor ihrem Tode mit dem Interdikt bestraft.

Weil sie dem Lateinischen nicht mächtig war, verfasste sie ihre zahlreichen Bücher mit Hilfe gebildeter Schreibkundiger. Dabei beruhten die theologischen und mystischen Abhandlungen auf Visionen, die Hildegard schon als Kind erlebte. Es ist verbrieft, dass die Universlagelehrte die von ihr als Offenbarungen wahrgenommenen Projektionen immer auch kritisch reflektierte und deren Wahrheitsgehalt prüfen wollte.

Das theologisch-philosophische Hauptwerk Hildegards ist im Wesentlichen in 3 Büchern enthalten. Im Alter von 43 Jahren schrieb sie eine Vision im Buch «Scivias domini» (Wisse des Herren Wege) nieder.  („Schreibe alles auf, was du siehst und hörst, tue die Wunder Gottes kund.“). Bedeutend ist auch die Abhandlung „Liber divinorum operum“ (Buch über das Werk Gottes, Mensch und Welt) und das Buch „Liber vitae meritorum“ (Der Mensch und seine Verantwortung).

Hildegards naturwissenschaftlichen und medizinischen Werke haben bis heute praktische Relevanz. Sie befasste sich mit der antiken Medizin der Griechen und Römer und führte diese Erkenntnisse mit der mitteleuropäischen Volksmedizin zusammen. Ihr theoretisches Konzept der Medizin war geprägt von der Viersäftelehre des Mittelalters.

In dieser, heute „Humoralpathologie“ genannten Vorstellung, beherrschten vier Körpersäfte alle physiologischen Vorgänge. Die Strömungen dieser Wirkflüssigkeiten waren nicht nur abhängig vom Lebensalter, Charakter und Jahreszeiten, sondern waren auch die Ursache von Krankheiten, wenn ihr Gleichgewicht gestört war. Jeder der vier Säfte war Organen und Qualitäten zugeordnet, die sich auch in den Heilpflanzen und den vier Elementen sowie den Tierkreiszeichen widerspiegelten. So entsprang das

  • Blut dem Herzen und prägte den Sanguiniker. Dieser warme, feuchte Saft sollte süß schmecken und mit dem Element Luft in Verbindung stehen, mit Jugend und Frühling korrespondieren sowie mit den Sternzeichen Widder, Stier und Zwilling.
  • Gelbe Galle quillt aus der Leber und bestimmt den Choleriker. Der Saft schmeckt bitter und ist im Überschuss beim Mann, besonders in der Jugend, vorhanden. Die
    Qualitäten der gelben Galle sind Trockenheit und Wärme, weswegen das Leber-Produkt auch dem Sommer zugeordnet wird. Astrologisch steht der Körpersaft mit
    dem Mars in Verbindung und unter dem Einfluss der Tierkreiszeichen Krebs, Löwe und Jungfrau. Korrespondierendes Element ist das Feuer.

 

  • Schwarze Galle ist sauer und scharf, kalt und trocken. Der Saft wird von der Milz und den Hoden produziert und kennzeichnet den Melancholiker, besonders den älteren Mann. Zugeordnet sind das Element Erde und die Jahreszeit Herbst. Die Sternzeichen Skorpion, Waage und Schütze sowie der Saturn sind die bestimmenden Himmels-Symbole.


  • Heller Schleim dominiert als einziger Körpersaft speziell das weibliche Geschlecht. Das Gehirn-Sekret ist feucht und kalt, deswegen auch Kennzeichen des Winters. Der Geschmack ist salzig, das zugehörige Element Wasser. Heller Schleim überwiegt im Alter und steht unter dem Einfluss des Mondes und den Sternbildern Wassermann, Steinbock und Fische.

Diese Körpersäfte im Gleichgewicht zu halten war die erklärte Aufgabe der mittelalterlichen Medizin. Zurück geht das Konzept noch auf Hippokrates und war in Abwandlungen die gültige Medizin-Theorie der europäischen Antike und des Mittelalters bis hinein in die Neuzeit. Die Humoralpathologie verlor ihre Bedeutung erst mit dem Aufstieg der modernen Naturwissenschaften im 18. Jahrhundert. Vorher war die Viersäftelehre rund 2.000 Jahre unangezweifelt. Das muss berücksichtigt werden, wenn man Hildegard kritisiert, indem man ihr den Glauben an eine „Irrlehre“ vorhält. Ihren Verdienst, gerade in den Erkenntnissen der praktischen Naturheilmedizin, schmälert dies keinesfalls.

Die wichtigsten Werke Hildegards über Pharmazie und Medizin sind: 1. «Causae et Curae» (Die Ursachen der Krankheiten und ihre Behandlung) und 2. «Physica» (Naturkunde).
„Causa et Curae“ steht im engen Zusammenhang mit der „Physica“. Denn die Beschreibungen der Pflanzen waren eine Grundlage der Naturheilkunde Hildegards. Die bis dahin nur in Latein beschriebenen Pflanzen (und Tiere sowie auch Mineralien) übersetzte die Vertreterin ihrer „fröhlichen Wissenschaft“ ins Deutsche. Heraus kamen dabei systematische Anleitungen mit phytomedizinischen Rezepten. Fleißig registrierte Hildegard fast 300 Heilpflanzen in den Büchern „Liber compositae medicinae“ und „Liber simplicis medicinae“ mit Nennung der jeweiligen Indikationen.

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„Causa et Curae“ enthält auch Hildegards Ernährungslehre, die moderne Erkenntnisse praktisch vorwegnimmt. Sie legt Wert auf gemäßigte Kost mit wenig Fleisch, hebt Getreide, besonders Dinkel, als Hauptnahrungsquelle hervor. Sie beschreibt Entgiftungskuren, rät zu Bewegung und Erholung in einem ausbalancierten Verhältnis und betont die Bedeutung der geistigen Verfassung für die Gesundheit. Was Hildegard die „Seelenreinigung“ nennt, kennen wir heute als „Psychosomatik“. Sie beschrieb im Zuge ihrer Visionen die Heilmittel für Leib und Seele. Diese natürliche Medizin habe der Schöpfer selber in der Natur und im Menschen verborgen. Diese Naturheilkräfte sind Teil der Grundannahmen in Hildegards Weltbild. Gesundheit steht hier auch im Zusammenhang mit der gesamten Lebensführung und Lebenseinstellung. Beides sollte nach Hildegard 4 Grundsätzen unterliegen:

  • Ratio: Die Klarheit der vernünftigen Erkenntnis
  • Discretio: Die Fähigkeit, das richtige Maß in allen Dingen zu finden
  • Viriditas: Die Grünkraft, eine allen Dingen und Lebewesen innewohnende Energie, die der Mensch mit Aktivität in freier Natur zur vollen Entfaltung bringen kann
  • Subtilitas: Die Achtsamkeit gegenüber der Wirkung der Lebensmittel

Wir sehen, dass Hildegard viel mehr war, als nur eine kompetente Apothekerin. Sie entwickelte auf der Grundlage klassisch-antiker Vorstellungen auch die Basis der ganzheitlichen Medizin.      

Auch war Hildegard nicht nur Theoretikerin und trotz ihrer wissenschaftlichen Arbeit nicht entrückt oder kopflastig. Das Kloster am Rupertsberg bei Bingen am Rhein war durch Hildegards Betreiben auch eine Art frühe Arztpraxis für Bedürftige. Hierin unterschied sich ihr Kloster nicht von anderen tätigen Ordenshäusern, die immer auch Zuflucht und Hilfe für die Armen waren. In Hildegards Kloster konnte jeder Kranke mit der Bitte um Rat vorstellig werden.    

Im Vergleich zu unserem heutigen Wissen mit immer kürzeren Verfallszeiten, erhebt die Hildegard-Heilkunde den Anspruch zeitloser Gültigkeit und wird auch von kommenden Generationen zur Vorbeugung und Heilung von Krankheiten genutzt werden.

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Dieser Beitrag wurde letztmalig am 12.09.2016 aktualisiert